Alkoholkonsum: Gesundheitliches Genusserleben oder Risiko – Eine Studie zur Umsetzung des Risflecting-Ansatzes aus dem Blickwinkel der Gesundheitsförderung

Genuss und Gesundheit stehen in einer synergetischen Beziehung zueinander – auch beim Thema Alkoholkonsum. Alkohol ist nur eine von vielen „riskanten“ Substanzen im Leben. Die Sensibilisierung für die Risiken findet in vielen Fällen noch immer in Form von ausschließlich problemorientierten Diskussionen über die negativen Folgen und Krankheitsbilder bei übermäßigem Gebrauch statt.

Oft liest man in den Medien pauschalisierende und abstinenzfordernde „Kampfparolen“ gegenüber verschiedenster Genussmittel, die vor allem bei Jugendlichen meist nur das Gegenteil bewirken und nicht zum kompetenten verantwortungsvollen Gebrauch motivieren. Vergleicht man die Aufklärung zum Thema Alkohol mit dem Autofahren, dann lässt sich folgende Frage stellen: Welcher Fahrschüler lernt schon das Autofahren, wenn ihm nur Unfallbilder gezeigt werden?

Ziel dieser Masterarbeit war es, aufzuzeigen, dass es auch andere lebensweltbezogene Möglichkeiten gibt, um den bewussten Alkoholgenuss im Sinne der Gesundheitsförderung zu stärken. Dabei wurde der Risflecting-Ansatz als handlungsorientiertes Umsetzungskonzept der Rausch- und Risikopädagogik ausgewählt und in der Theorie sowie in der Praxis vorgestellt.

Auszug aus dem Gutachten

Auszug aus dem Gutachten von Dr. Arnd Hofmeister und Prof. Dr. Eberhard Göpel

„Mit ihrer Masterarbeit […] wendet sich Frau Fröse einem wichtigen Thema der Gesundheitsförderung in Europa zu. Der Genuss alkoholhaltiger Getränke ist einerseits ein wichtiger Teil europäischer Kultur, andererseits sind die gesundheitlichen Risiken umfassend belegt. In diesem Spannungsfeld muss sich Gesundheitsförderung als Handlungskonzept positionieren, will sie mehr sein als bloße Prävention. […] Über entgrenzten Konsum in Form von Flat-Rate-Trinken und Koma-Saufen wird medial berichtet und Forderungen nach restriktiver Alkoholpolitik werden laut.

Wenn Gesundheitsförderung an ihrem Diktum festhält, Menschen in die Lage zu versetzen, Verfügung über die Bedingungen ihrer Gesundheit zu erlangen, dann heißt dies in diesem Fall, nicht einfach dem Alkoholverbot das Wort zu reden, sondern gerade bei Jugendlichen Genuss- und Risikokompetenzen aufzubauen.

Frau Fröse leistet mir ihrer Arbeit, in deren Zentrum eine Studie zur Umsetzung des Risflecting-Ansatzes in Jugendprojekten in verschiedenen europäischen Ländern steht, einen wichtigen Beitrag.

Im ersten Teil ihrer Arbeit legt Frau Fröse die theoretischen Grundlagen ihrer Studie. Dazu untersucht sie zunächst historisch-kulturell und politisch die Bedeutung von Alkohol und stellt differenziert die EU-Strategie zur Verminderung alkholbedingten Schadens dar. Vor diesem breit aufgespannten Rahmen diskutiert sie die bundesdeutschen Strategien zu Suchtprävention und Alkohol. Dabei fokussiert sie insbesondere auf den Paradigmenwechsel von der Risikoprävention zur Risikokompetenz. In einem Exkurs ergänzt sie diesen neuen Ansatz durch das zentrale Konzept des Rausches, denn „erst durch die differenzierte Sichtweise des Rauscherlebens kann ein verstärktes Bewusstsein für die eigene Handlung erfolgen und damit erhöhte Verantwortung gegenüber sich selbst und der Umwelt entstehen“( S. 27). Diesen Paradigmenwechel untermauert sie im nächsten Schritt konzeptionell durch die Einführung und Diskussion zentraler Begriffe der Gesundheitsförderung, wie den Empowerment-Ansatz. Damit hat sie schließlich den umfassenden kategorialen Rahmen zur Einführung des Risflecting-Konzeptes geschaffen und seine Bedeutung für die Gesundheitsförderung mit dem Ziel der Rausch- und Risikokompetenz voll entfaltet.

Mit diesem begrifflichen Instrumentarium untersucht Frau Fröse im zweiten Teil ihrer Arbeit die Umsetzung dieses Konzeptes in Jugend-Projekten in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz. Dazu begründet sie zunächst ihre methodologische Entscheidung für eine qualitative Studie, deren methodischen Aufbau sie umfassend erläutert und kritisch reflektiert. Im Folgenden präsentiert sie die Ergebnisse ihrer Studie. Hierbei nutzt sie die im ersten Teil entwickelten Konzepte, um sie empirisch anzureichern und ihre Tragfähigkeit und Praxistauglichkeit zu untermauern. Die Analyse ihrer qualitativen Daten zeigt eindrücklich die Chancen und Schwierigkeiten der Arbeit mit dem Risflecting Konzept in Gesellschaften, deren Umgang mit Alkohol in hohem maße ambivalent ist. Zudem reflektiert sie die Projektförmigkeit dieser Angebote und die ihnen inhärenten Begrenzungen. Weiterhin arbeitet sie differenziert die Notwendigkeit einer sozial-kulturell spezifischen Anpassung des Risflecting-Konzeptes in unterschiedlichen Kontexten heraus. Überzeugend legt sie abschließend dar, dass die Konzepte Gesundheit, Genuss, Risflecting etc. in der Gesundheitsförderung als analytisch und konzeptionelle Kategorien benutzt werden sollten, aber als „Worte“ nicht Eingang in die Projekt finden sollten, da sie keine Bezugspunkte für Jugendliche sind.

Schließlich fasst Frau Fröse die Ergebnisse ihrer Arbeit prägnant zusammen und erläutert überzeugend die konzeptionelle Nähe des Risflecting-Konzeptes zur Gesundheitsförderung und die sinnvolle Integration dieses Ansatzes in gesundheitliche Handlungsstrategien zum Thema Sucht- und Genussmittel.

Diese Arbeit ist ein besonders hervorragendes Beispiel für eine theoretisch höchst anspruchsvolle und empirisch spannende Studie im Themenfeld der Gesundheitsförderung in Europa. Auf einer breiten Literaturgrundlage begründet Frau Fröse das Risflecting-Konzept auf den kategorialen Grundlagen der Gesundheitsförderung und bettet diese in politische und gesundheitswissenschaftliche Entwicklungen ein und zeigt damit ihr umfassendes und komplexes Verständnis gesundheitswissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung. Mit diesem kategorialen Rüstzeug untersucht sie mit einem methodisch ansprechenden und anspruchsvollen Design die Umsetzung dieses Projektes. Die Auswertung der Ergebnisse ist überzeugend und differenziert. Gerade der Vergleich von Gesundheitsförderungsprojekten aus vier europäischen Ländern ist innovativ und instruktiv.

Diese besonders hervorragende Masterarbeit, deren Relevanz und Aktualität unbestritten ist, wird nach eingehender Diskussion mit dem Zweitgutachter mit der Note 1,0 (sehr gut) bewertet.“

Einleitung

Die Schlagzeilen zu „Flatrate-Partys“ und „Komasaufen“ kommentierten in den letzten Jahren in zahlreichen Medienberichten den exzessiven Alkoholkonsum von Jugendlichen und forderten die Gesellschaft und Politik zum Handeln auf. Doch was ist die Folge? Die Stigmatisierung von Alkohol als „gefährliche“ Droge wird vorangetrieben. Bereits seit Jahrzehnten
beschäftigt sich der Mainstream von Forschung, Praxisreflexion und Drogenpolitik mit den negativen Folgen des Alkoholkonsums, um den Menschen die Risiken der psychoaktiven Substanz bewusst zu machen. Dabei wird – zu Unrecht – jedoch unreflektiert ebenso der verantwortungsvolle Konsum von Alkohol, der Bestandteil von Kultur und Tradition vieler Völker ist, problematisiert und bekämpft. Ist die älteste Kulturdroge der Welt generell nur noch ein Fluch oder kann sie auch ebenso ein Segen sein?

Trotz verschiedenster Bemühungen der Drogen- und Suchtprävention hat sich der Alkoholkonsum immer behauptet. Täglich finden millionenfach alkoholbezogene Experimentierhandlungen Heranwachsender statt, bei denen diese quasi naturwüchsig, dabei überwiegend in kultureller und subkultureller Abfederung, eigene Maße des Umgangs mit Drogen und anderen Risiken suchen. Sie scheitern zuweilen daran, doch mit der Zeit finden sie in aller Regel und mit überwältigender Mehrheit ihre jeweiligen Maße, Rituale, Sicherheitsregeln. Ein großer Anteil der Bevölkerung hat gelernt maßvoll und kontrolliert mit der Substanz Alkohol umzugehen.

Es ist eine Gratwanderung, die von der alten Regel von Paracelsus seit Jahrtausenden gestützt wird: „Dosis venenum facit“ – „Alleine die Dosis macht das Gift aus“.

Diese Masterarbeit will Wegweiser auf diesem Grat sein: Von der Suchtprävention hin zur Gesundheitsförderung mit der Leitfrage: „Alkoholkonsum: Gesundheitlicher Genuss oder Risiko?“.

Ausgehend von der salutogenetischen Perspektive von Antonovsky, der das Leben von der Geburt an bis zum Tod mit einem Fluss vergleicht, der von der Quelle bis zur Mündung einen wechselvollen Verlauf auch mit schwer zu bewältigenden Abschnitten hat, lässt sich im übertragenen Sinn folgende Frage stellen: Ist es erfolgsversprechender Menschen vor dem Hineinfallen in den Fluss zu bewahren, sie aus dem Wasser in Ufernähe zu ziehen, sie letztendlich aus dem reißenden Strom zu retten, als ihnen vielmehr schon von Anfang an das Schwimmen in unterschiedlichen Gewässern beizubringen? Stromschnellen und Wasserfälle erfordern andere Bewältigungsressourcen als ein seichter Flusslauf der kaum Strömung hat. Es gilt zu erkennen und zu lernen, wie hoch das Risiko ist, wann volle Aufmerksamkeit gefordert ist oder zu welchem Zeitpunkt Erholen und Genießen im Vordergrund stehen.

In dieser Arbeit wird das Thema Alkoholkonsum von der Theorie und aus der Praxis anhand eines konkreten Handlungskonzeptes beleuchtet und ist inhaltlich in zwei große Blöcke aufgeteilt.

Der erste Teil widmet sich den theoretischen Grundlagen rund um das Thema Alkoholkonsum und Gesundheit. Einleitend werden kulturgeschichtliche Aspekte aufgegriffen, um dann den aktuellen Diskussionsstand zum Alkoholkonsum in der EU wiederzugeben. Die Teilkapitel 1.2 und 1.3 haben das Ziel die Substanz Alkohol umfassend vom traditionell pathogenen Blickwinkel der Suchtprävention bis hin zur neuen Ausrichtung der Gesundheitsförderung und Risikokompetenz zu beschreiben. Besondere Berücksichtigung finden dabei der Empowerment-Ansatz und die Bedeutung des Genusserlebens in der Gesundheitsförderung. Abschließend wird das Risflecting©-Konzept als handlungsorientiertes
Umsetzungskonzept der Rausch- und Risikopädagogik zunächst in der Theorie vorgestellt.

Aufbauend auf den theoretischen Erkenntnissen nimmt die Studie zur Umsetzung des Risflecting-Konzepts aus dem Blickwinkel der Gesundheitsförderung den zweiten praxisorientierten Teil dieser Arbeit ein. Vorgestellt werden Vorgehensweise und Ergebnisse der Befragung von sieben Experten aus verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten, die ihr Erfah-rungswissen aus Präventionsprojekten zum Thema Alkohol einbringen. Am Ende steht das zusammenführende Resümee der beiden Teile und im Ausblick die Beantwortung der Frage „Alkoholkonsum: Gesundheitliches Genusserleben oder Risiko?“.

1. Theoretische Grundlagen

1.1 Alkohol und Gesundheit in Europa

1.1.1 Kulturgeschichtliche Aspekte
1.1.2 Alkoholpolitik in der EU
1.1.3 Strategie zur Verminderung alkoholbedingtem Schadens in Europa

1.2 Suchtprävention und Alkohol in Deutschland

1.2.1 Die Hinwendung der Suchtprävention in Richtung Gesundheitsförderung
1.2.2 Von der Risikovermeidung zur Risikokompetenz
1.2.3 Neue Wege der Suchtprävention
Exkurs: Der Rauschbegriff

1.3 Alkoholkonsum aus dem Blickwinkel der Gesundheitsförderung

1.3.1 Der differenzierte Gesundheitsbegriff
1.3.2 Der Paradigmenwechsel
1.3.3 Der Empowerment-Ansatz
1.3.4 Genuss und Gesundheit

1.4 Das Risflecting-Konzept

1.4.1 Ziele und Methoden des Konzepts
1.4.2 Differenzierung zwischen Risiko und Gefahr
1.4.3 Rausch- und Risikokompetenz als Ziel der Gesundheitsförderung

2. Studie zur Umsetzung des Risflecting-Konzepts

2.1 Fragestellung der vorliegenden Untersuchung
2.2 Untersuchungsmethodik

2.2.1 Das qualitative, leitfadengestützte Experteninterview
2.2.2 Erstellung eines Interviewleitfadens
2.2.3 Auswahl der befragten Personen
2.2.4 Beschreibung und Durchführung der Erhebung
2.2.5 Datenerfassung und Auswertung

2.3 Untersuchungsergebnisse

2.3.1 Gesellschaftliches Modethema Alkohol
2.3.2 Umsetzung des Risflecting-Konzepts in der Praxis
2.3.2.1 Erkenntnisse zur Wirkung des Risflecting-Konzepts auf persönlicher, sozialer und gesellschaftlicher Ebene
2.3.2.2 Umgang mit Alkohol erlernen
2.3.3 Nachhaltigkeit und Evaluation
2.3.4 Probleme und Grenzen bei Präventionsprojekten zum Thema Alkohol
2.3.5 Erfolgsfaktoren bei der Umsetzung von Präventionsprojekten
2.3.6 Aspekte Gesundheit und Genuss
2.3.7 Länderübergreifende und -spezifische Aspekte in den Projekten

Resümee und Ausblick

Das Alltagswissen über Alkoholkonsum setzt sich aus persönlichen Erfahrungen oder Erzählungen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und öffentlichen Diskursen über Normen und Regelungen bzw. deren Überschreitung zusammen. Innerhalb und zwischen den einzelnen Bereichen hat die Gesundheitsförderung die Aufgabe, Vor- und Nachteile bestimmter Lebensstile, in denen Alkohol konsumiert wird in der Theorie und Praxis durch Meta-Kommunikation aufzuzeigen. Die große Anzahl von naturwissenschaftlich orientierten Studien nach dem biomedizinischen Modell, die sich meist ausschließlich mit den negativen Folgen des Alkoholkonsums für den Organismus beschäftigen, wird diesem Anspruch nicht gerecht. Erst biographische und ethnographische Modelle richten den Blick auf das Individuum in seinem sozialen Kontext und die umgebende Gesellschaft und folgen einer sinn-logisch verstehenden Geisteswissenschaft.

So führt auch der normative Streit über das „einzig richtige gesunde Leben“, der durch eine sich ausbreitende Gesundheitsexpertenkultur zunimmt, zur Verunsicherung der Menschen, da öffentliche Diskussionen die zunehmende Komplexität von einzelnen Modellen aufzeigen und Widersprüche zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichem Erleben hervorrufen. Beim Thema Alkoholkonsum findet ein öffentlicher Diskurs über ein Thema statt, das vielfach tabuisiert oder in Medienberichten oftmals pauschalisierend problematisiert wird. Ohne Bezug des jugendlichen übermäßigen Alkoholkonsums zum gesamtgesellschaftlichen sozialen Kontext werden oftmals ausschließlich normative Regelungen und restriktive Maßnahmen wie absolute Abstinenz oder verstärkte Alkoholkontrollen gefordert.

Alkohol ist eine von vielen psychoaktiven Substanzen im Leben, deren Konsum auch immer im sozial-gesellschaftlichen und kulturellen Kontext betrachtet werden muss. Es gibt keine drogen- und suchtfreie Gesellschaft. Bei der Diskussion um Randgruppen wie z.B. den exzessiv konsumierenden Jugendlichen wird der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang oftmals vergessen bzw. ausgeblendet und damit die Dämonisierung der Substanz Alkohol gefördert. Ohne die Integration der Substanz und ihrer Konsumenten kommt es zur Ausgrenzung und Stigmatisierung, was vielfältige negative Folgen hat. Eine kulturelle Integration kann zur Ausbildung einer „inneren Ordnung“ durch Einführung in den kundigen Gebrauch durch Weitergabe von Regeln und Ritualen in Form von Konsummustern beitragen. Die „äußere Ordnung“ wird begünstigt durch eine Festlegung von Zeit und Ort des Konsums, wodurch die Konsumbedingungen bestimmt werden.

Zwar wird das Erlernen eines „gesunden“ Umgangs mit Alkohol verstärkt diskutiert (siehe Kapitel 1.2.3), doch fehlen in der Praxis oft präventive Handlungskonzepte. Lernen bedeutet nicht nur kognitives Wissen zu besitzen, sondern auch dieses in Handlung nachhaltig umsetzen zu können. Die Ansätze der Risikokompetenz (siehe Kapitel 1.2.2 und 1.4.3) machen deutlich, dass ein Ausprobieren im Sinne von „Selbsterfahrungslernen“ nach der sozialen Lerntheorie und der damit verbundenen Selbstwirksamkeitstheorie möglich ist. In der Suchtprävention wird dieser Ansatz als „Lernen am Modell“ unter professioneller Begleitung immer mehr praktiziert. In der Gesellschaft trifft dieses „kontrollierte Alkoholtrinken“ jedoch zum Teil auf Unverständnis. Risikokompetenz lässt sich nicht fremdbestimmt mit der Durchsetzung von Gesetzen und Kontrollen aufbauen, sondern nachhaltig nur aus eigenem Antrieb und Erleben heraus. Wie soll der verantwortungsbewusste und genussvolle Umgang mit Alkohol erlernt werden, wenn nicht durch die eigene Erfahrung? Albert Einstein formulierte dazu: „Genuss ist nicht die Frucht einer Lehre, sondern die Summe einer lebenslangen Erfahrung.“

Das Risflecting-Konzept stellt einen länderübergreifenden praxisorientierten Denk- und Handlungsansatz mit einer lebensweltorientierten humanistischen Grundhaltung dar, der unabhängig vom Lebensalter in allen Lebensbereichen wirken kann. Durch reflektiertes Handeln kann eine differenzierte Wahrnehmung der eigenen Lebenswirklichkeit erfolgen, die nicht nur eine Rausch- und Risikokompetenz zum Ziel hat, sondern auch umfassende soziale Kompetenzen fördert. Unter professioneller Begleitung legt man in diesem Konzept besonders auf die Vor- und Nachbereitung der Selbsterfahrung Wert. Mit Hilfe von „Breaks“ wird der Konsument in seiner individuellen Handlungsautonomie gestärkt und alternative Handlungsoptionen werden bewusst gemacht (siehe Kapitel 1.4).

Bezogen auf die Ottawa-Charta wirkt Risflecting als Handlungsansatz nicht nur auf der individuellen Ebene, indem persönliche Kompetenzen entwickelt werden, sondern bezieht in der Vor- und Nachbereitung das soziale Umfeld mit ein. Deutlich wird das Mehrebenenkonzept z.B. in Projekten zur Feierkultur, in denen über Gemeinschaftsaktionen Organisationen und Gemeinwesen zusammenarbeiten und auch „über den Tellerrand“ z.B. soziale/gesundheitliche Interessen mit wirtschaftlichen in Verbindung gebracht werden. Auf gesellschaftlicher Handlungsebene wirkt Risflecting durch Einbeziehung der Experten, die nach dem Risflecting-Konzept ausgehend von der lokalen, nationalen bis zur europäischen Ebene aktiv sind. Dies beschränkt sich jedoch für Risflecting derzeit vor allem auf die Jugendarbeit, aus der das Konzept heraus gewachsen ist. Durch die immer größer werdende Vernetzung von Jugendarbeit und Gesundheitsförderung besteht die Möglichkeit, dass Risflecting auch als Handlungskonzept in der gesundheitsförderlichen Gesamtpolitik verstärkt Anwendung finden kann.

Aus meiner Sicht bietet das Risflecting-Konzept zudem für alle Entwicklungsphasen im Leben Einsatzmöglichkeiten. Nicht nur Jugendliche sollten bei Risflecting im Fokus der Diskussion stehen, sondern auch Erwachsene, nicht zuletzt aufgrund ihrer Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft. So lassen sich für Präventionsprojekte zum Thema Alkohol neben (außer-) schulischen Settings weitere nennen wie z.B. Familie, berufliche Tätigkeit oder Ruhestand. In jedem dieser Lebensabschnitte – besonders in Übergangsphasen – finden Grenzüberschreitungen und Entwicklungsprozesse aufgrund veränderter Rahmenbedingungen statt, die es im Sinn des Lebenslangen Lernens erfolgreich zu meistern gilt. Meist hat der Alkoholgebrauch dort eine instrumentelle Funktion im Prozess der Bewältigung von Entwicklungsproblemen und tritt anstelle eines emotionalen Ausgleichs. In der Praxis wird oftmals vergessen, dass das soziale Umfeld – sei es im Beruf, in der Familie oder im Freundeskreis – mit seinen soziokulturellen Einflüssen eine entscheidende Rolle für eine nachhaltige Entwicklung spielt.

Ob Alkoholkonsum nun gesundheitliches Genusserleben oder Risiko ist, entscheidet in erster Linie der Konsument selbst. Gleichzeitig wird sein Verhalten durch das Umfeld in dem er sich aufhält mit beeinflusst. Der Alkoholkonsum birgt Risiken und Chancen in sich, doch es liegt an den Fähigkeiten und den Kompetenzen des Einzelnen, dass daraus ein genussvolles Erleben wird. Menschen können lernen, einerseits die positiven Seiten von Alkohol wie z.B. Genuss, Entspannung, neue Erfahrungen zu erreichen, andererseits aber auch die negativen Seiten und Risiken wie z.B. den Kater danach, depressive Erschöpfung, Überdosierung, Gewöhnung und die Gefährdung dritter zu reduzieren. Die mit der Fragestellung provozierte Polarisierung in „entweder Genuss oder Risiko“ soll hiermit aufgelöst werden. Beim Alkoholkonsum kann trotz Risiko Genuss als euthyme Verhaltensweise erlebt werden, die dem Wohlbefinden dient und die seelische und körperliche Gesundheit unterstützt (siehe Kapitel 1.3.4). Auch sollte der Begriff Risiko differenzierter verwendet werden. Nicht jedes Risiko stellt gleich eine direkte Lebensgefahr dar (siehe Kapitel 1.4.2) und nicht jedes Rauscherleben sollte in Diskussionen mit exzessiv schädlichem Konsum gleichgesetzt werden (siehe Exkurs S. 24). Was letztendlich zählt, ist die Fähigkeit, die eignen Grenzen zu erkennen und das für sich passende Gebrauchsmaß im Leben zu finden, damit Alkohol genossen werden kann und nicht als Suchtmittel missbraucht wird.

Die Studie zum Risflecting-Konzept zeigt, dass es nicht ausschließlich darum geht, nur einen gesunden Umgang mit einer Substanz zu erlernen, sondern substanz- und themenübergreifend Verantwortung in jedem Bereich des Lebens zu übernehmen. Hier sind die begleitenden Akteure wie Peers, Eltern, Ausbildungsverantwortliche, (pädagogische) Begleiter, Vertreter der Politik und Wirtschaft gefragt Unterstützungsprozesse zur Lebensbewältigung aktiv mitzugestalten.

Im Kapitel 1.3.4 wurde deutlich, dass Gesundheits- und Genussverhalten in einer engen Wechselwirkung zueinander stehen und dabei in ein komplexes Wirkungsgefüge von Risikowahrnehmung, Gestaltung des sozialen Umfelds und gelebter Genussfähigkeit eingebunden sind. Genuss muss auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt sein.

Genuss erfordert Zeit und Integration in den Alltag unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Alltagsanforderungen. Bei erfolgreichem Ausbalancieren kann Missbrauch und Abhängigkeit vermieden werden.

Doch sollte mit dem Begriff „Genuss“ ebenso kritisch umgegangen werden, da Bedürfnisse z.B. durch Werbung manipuliert werden können. In unserer Konsumgesellschaft werden verstärkt pauschale „Genussversprechen“ zu Marketingzwecken für Produkte oder Dienstleitungen eingesetzt. Es wird in Zukunft immer wichtiger werden, die individuellen Bedürfnisse aber auch die lieb gewonnenen Gewohnheiten zu reflektieren und diese auf die sich verändernden Lebensumstände abzustimmen. Erst durch die Rhythmisierung von Konsum- und Verzichtsituationen wird persönliches Genusserleben möglich.

Vielleicht kann das Thema Alkohol als Katalysator dienen, damit sich die Gesellschaft mit dem Thema der psychoaktiven Substanz und Rausch zunächst im Rahmen der legalisierten Genussdrogen ehrlich auseinandersetzt. Es bleibt zu hoffen, dass in einer lebensweltbezogenen Alkoholkultur Tabus auch ausgesprochen werden dürfen. Sowohl Jugendliche und als auch Erwachsene sollten sich im Sinne des Empowerment (siehe Kapitel 1.3.3) mit ihren persönlichen Sichtweisen, Einstellungen und Verhaltenserfahrungen selbstverantwortlich einbringen können.

Der Empowermentgedanke wird in der Gesundheitsförderung sowie in der Suchtprävention immer stärker betont und unterstützt den Paradigmenwechsel. Es sollte in beiden Disziplinen darum gehen, das öffentliche Klima, das Wahrnehmen und die Diskussion von Fragen und Problemen auch in Sachen Konsum psychoaktiver Substanzen zu verändern. Die Zeit, in der psychosoziale Belastungen zunehmen scheint reif dafür zu sein, die Vielfalt der Sichtweisen anzusprechen, um einen Wechsel von Problemdefinitionen hin zu Handlungsstrategien einzuleiten. Das Risflecting-Konzept kann einen Teil dazu beitragen, indem es die tabuisierten Themen „Rausch und Risiko“ als feste Bestandteile des Lebens begreift.

Das Thema „Alkoholkonsum“ macht es exemplarisch deutlich: Geht es nicht darum, aus der bunten Vielzahl der angebotenen Lebensgestaltungsoptionen mit oder ohne Alkohol auszuwählen und eigenverantwortete Entscheidungen für die eigene Person treffen zu können oder auch um das Vermögen, ein kritisches Denken zu lernen und das lähmende Gewicht von Alltagsroutinen, Handlungsgewohnheiten und Konditionierungen abzulegen?

Bezugnehmend auf das in der Einleitung skizzierte Bild des Lebensflusses fasse ich meine aus dieser Masterarbeit gewonnenen Erkenntnisse abschließend zusammen. Dass Risikosituationen auf der Flussreise eintreten werden, ist sicher. Denn der natürliche Flusslauf birgt zahlreiche Risiken und Gefahren in sich.

Das Leben besteht aber nicht nur aus dem Bewältigen dieser unterschiedlichen Herausforderungen, sondern Menschen wollen auch genießen und Spaß haben. Der Umgang mit Alkohol im Rahmen eines verantwortungsbewussten Lebensstils ist nur eine von vielen Fähigkeiten, die notwendig sind, um vom Anfang bis zum Ende im Lebensfluss zu schwimmen. Berauschende Zustände finden sich nicht nur am rauschenden Wasserfall oder in tosenden Bergbächen, sondern können ebenso in ruhigeren Gewässern z.B. durch den Genuss eines „die-Sinne-anregenden“ feinen Weins gefunden werden. Bei bewusster genussvoller Einnahme kann dieser dabei helfen, die Alltagsrealität einmal loszulassen oder in die Welt der Gefühle und Emotionen einzutauchen. Begleitende Mitschwimmer sollten einen nicht davor bewahren, sondern vielmehr helfen, sich im Fluss zu bewähren und unterstützen, dass auch der Weg aus dem Rauscherleben zurück in den Alltag gefunden werden kann.

Das Wagnis Risiken zu durchleben ist eine Chance –  für individuelle und gesellschaftliche Wachstumsprozesse.

Bestellung Masterarbeit als pdf.

Die Masterarbeit wurde am Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen an der Hochschule Magdeburg-Stendal mit der Note 1,0 bewertet. Auszüge daraus stehen Ihnen auf dieser Homepage online kostenfrei zur Verfügung.

Die gesamte Arbeit (100 Seiten) mit den umfassenden Studienergebnissen und insg. 4 Tabellen, 10 farbigen Abbildungen sowie dem Literaturverzeichnis kann als pdf-Dokument gegen eine Schutzgebühr von 25,00 € erworben werden.

Bitte geben Sie hierzu Ihre Postadresse bzw. ihre E-Mailadresse für die Zusendung an und verwenden Sie das Kontaktformular.

Folgende Grafik kann als Impuls für Workshops genutzt werden, um über den Umgang mit Alkohol auch in Ihrem direkten Lebensumfeld zu diskutieren. Die Aspekte Genussfähigkeit, Risikomanagement, Substanzkunde und Kritikfähigkeit sind mögliche Themen, um den reflektierten Austausch zum Genussmittel Alkohol innerhalb der folgenden Erfahrungsfelder zu fördern.

Gerne unterstütze ich Sie dabei auch als neutrale Moderatorin oder sende Ihnen das vollständige Plakat (mit Infotext) als pdf. auf Anfrage zu.

Konsumkultur

Was wird überhaupt am Markt angeboten?
Quantität oder Qualität?
Woran merke ich das als Konsument?
Und entspricht es meinen echten Bedürfnissen oder werde ich ungewollt „verführt“?

 

Persönliches Erleben

Was kann ich mit allen Sinnen genießen?
Was spüre ich am eigenen Leib?
Was tut mir gut?

 

Soziales Umfeld

In welchen Kreisen, welcher Atmosphäre und zu welchen Anlässen trinke ich?

Diskurs-Arenen für den Gebrauch von Alkohol als Genussmittel

Auf dem Internationalen Kongress für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin präsentierte ich am 04. November 2009 in Düsseldorf ausgewählte Thesen aus meiner Masterarbeit. Dabei ging es um die kulturelle Integration von Alkohol, den Aufbau von Alkoholkompetenz durch Selbsterfahrung und die Fragestellung, wie der Umgang mit „Rausch“ auch gesundheitsfördernd geübt werden kann. Von Arbeitsschützern, Betriebsräten bis hin zu Institutionsvertretern des Unfallschutzes und der Berufsgenossenschaften fanden sich Interessenten am Poster ein, lasen interessiert die Thesen und Ausführungen und diskutierten mit mir die Umsetzung.

Die Betrachtungsweise erschien für viele ungewöhnlich und zunächst irritierend. Die Kongressbesucher stimmten jedoch zu, dass beim Thema Alkohol nicht nur über die Substanz sondern auch über die Hintergründe des Konsums gesprochen werden sollte. Die Diskussion über die eigene Jugend bzw. die eigenen Kinder und deren Einführung in die Alkoholkultur war ein nachvollziehbarer Zugang zum Thema.